Mann betrachtet einen CopoMais-Rücknahmeautomaten in Lissabon

Was braucht ein erfolgreiches stadtweites Mehrwegsystem für Take-away-Verpackungen?


Ein umfassender Leitfaden zur Konzeption, Einführung und Skalierung urbaner Mehrwegsysteme – basierend auf Praxiserfahrungen und europäischen Best Practices.

Jedes Jahr werden in europäischen Städten Milliarden von Einwegbechern, Essensbehältern und Deckeln verbraucht und weggeworfen. Allein in Dänemark landen jährlich schätzungsweise 200 bis 300 Millionen Einwegbecher im Müll. In Lissabon zirkulieren an einem einzigen geschäftigen Wochenende rund 25.000 Einwegkunststoffbecher. In Aarhus, Dänemarks zweitgrößter Stadt, stellten die Behörden fest, dass fast die Hälfte des gesamten Abfalls in öffentlichen Sammelbehältern aus Take-away-Verpackungen für Speisen und Getränke stammte.

Dies sind nicht nur Zahlen aus der Abfallwirtschaft. Sie zeigen ein grundlegendes Problem darin, wie der Außer-Haus-Konsum gestaltet ist. Einweg-Take-away-Verpackungen folgen einem linearen Modell aus «Herstellen, Nutzen, Wegwerfen», das wertvolle Ressourcen verbraucht, Treibhausgasemissionen verursacht, die Vermüllung des Stadtraums vorantreibt und die kommunale Abfallwirtschaft belastet.

Doch es gibt eine echte Alternative – und sie funktioniert bereits in der Praxis.

In ganz Europa beweist eine neue Generation stadtweiter Mehrwegsysteme, dass sich der Komfort des Außer-Haus-Verzehrs mit echter Kreislaufwirtschaft verbinden lässt. Diese Systeme ersetzen Einwegbecher und Einwegbehälter durch langlebige Mehrweg-Alternativen, die gesammelt, professionell gereinigt und in einem kontinuierlichen Kreislauf wieder in Umlauf gebracht werden.

Dieser Artikel beleuchtet, was für den Aufbau und Betrieb eines erfolgreichen stadtweiten Mehrwegsystems für Take-away-Verpackungen erforderlich ist: die wesentlichen Merkmale erfolgreicher Systeme, die unterschiedlichen Modelle in Europa, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie ein detaillierter Blick auf eine der weltweit fortschrittlichsten Implementierungen – das REUSEABLE-System in Aarhus, Dänemark, betrieben von TOMRA Reuse.

Mann serviert ein Getränk in einem REUSEABLE-Mehrwegbecher in Aarhus

Warum das wichtig ist: Die Vorteile stadtweiter Mehrwegsysteme

Der Übergang von Einweg- zu Mehrwegverpackungen für Take-away auf Stadtebene bringt Vorteile, die weit über die bloße Abfallreduzierung hinausgehen. Wenn ein stadtweites Mehrwegsystem sorgfältig konzipiert und umgesetzt wird, schafft es messbaren Mehrwert in ökologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht.

Ökologische Vorteile

  • Signifikante Abfallreduzierung: Ein stadtweites Mehrwegsystem vermeidet jährlich tonnenweise Einwegverpackungsmüll. Allein während der zehntägigen Aarhus Festuge wurden über 150.000 REUSEABLE-Becher ausgegeben – eine Menge, die bei Einwegbechern mehr als 1.200 Sammelbehälter gefüllt hätte.
  • Geringere Treibhausgasemissionen: Der Wechsel von Einweg- zu Mehrwegbechern kann die Treibhausgasemissionen um mindestens 70 % senken. Eine Studie des Umweltberatungsunternehmens Eunomia aus dem Jahr 2023 bestätigte, dass Mehrwegbecher bereits ab einer Rücklaufrate von 83 % und mindestens sechs Umläufen eine deutlich bessere Klimabilanz als Einweg-Pappbecher erzielen.
  • Schonung natürlicher Ressourcen: Mehrwegverpackungen verlängern die Lebensdauer von Materialien drastisch und verringern den Bedarf an Rohstoffen, energieintensiver Produktion sowie Wasser. Die industrielle Reinigung am TOMRA Reuse Sanitization Hub in Aarhus verbraucht nur 0,5 Deziliter Wasser pro Becher – verglichen mit etwa 2,5 Dezilitern Wasser bei der Herstellung eines herkömmlichen Einweg-Pappbechers.
  • Sauberere Städte ohne Littering: Mit rund um die Uhr zugänglichen Leergutrücknahme-Automaten und einem finanziellen Pfandanreiz reduzieren Mehrwegsysteme wirksam den Müll, der Straßen, Grünanlagen und Gewässer verschmutzt.
Frau leert einen REUSEABLE-Leergutrücknahme-Automaten in Aarhus

Wirtschaftliche Vorteile

  • Geringere Kosten der Abfallwirtschaft: Wenn Verpackungen im Kreislauf gehalten statt weggeworfen werden, sinken die kommunalen Ausgaben für Einsammlung, Sortierung und Entsorgung. Die Stadtreinigung wird entlastet, und wertvolle Wertstoffe verbleiben nicht im Restmüll.
  • Schaffung lokaler Arbeitsplätze: Der Betrieb eines stadtweiten Mehrwegsystems – einschließlich Rücknahmelogistik, industrieller Reinigung, Qualitätssicherung und Umverteilung – schafft zukunftssichere Arbeitsplätze vor Ort.
  • Langfristige Kostenvorteile: In ganz Europa setzt sich der Trend durch, die tatsächlichen Folgekosten von Einwegverpackungen durch Abgaben, Verpackungssteuern oder Verbote zu internalisieren. Dadurch eröffnet sich für Mehrweglösungen ein erhebliches Einsparpotenzial gegenüber Einweg-Gebinden.

Gesellschaftliche und regulatorische Vorteile

  • Erfüllung gesetzlicher Vorgaben (PPWR): Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR), die im Februar 2025 in Kraft getreten ist und ab August 2026 gilt, verpflichtet Gastronomiebetriebe dazu, Kundinnen und Kunden ab 2027 die Befüllung eigener Gefäße zu ermöglichen und ab 2028 Mehrwegverpackungen für den Außer-Haus-Verzehr anzubieten. Städte, die jetzt Mehrweginfrastruktur etablieren, sind optimal vorbereitet.
  • Bürgerbeteiligung und gelebte Nachhaltigkeit: Ein sichtbares, funktionierendes Mehrwegsystem verbindet individuelles Handeln direkt mit greifbaren Umweltvorteilen und stärkt das gemeinsame Bewusstsein für Ressourcenschutz.
  • Sauberere und lebenswertere Städte: Attraktive öffentliche Räume sind das Aushängeschild moderner Kommunen. Einweg-Take-away-Verpackungen werden unmittelbar nach Gebrauch zu Abfall. Mehrwegsysteme beseitigen die Hauptquelle für Littering im Stadtbild. Der Pfandwert motiviert zudem andere dazu, achtlos zurückgelassene Becher aufzusammeln und zurückzugeben.
Zwei Frauen gehen in Aarhus mit REUSEABLE-Kaffeebechern

Schlüsselmerkmale stadtweiter Systeme für Mehrweg-Take-away-Verpackungen

Nicht jedes Mehrwegsystem ist gleichermaßen leistungsfähig. Ein wahrhaft wirksames stadtweites Mehrwegsystem erfordert das Zusammenspiel aus durchdachter Infrastruktur, verlässlichen finanziellen Anreizen, klarer Steuerung und höchstem Komfort für Kunden wie auch für Betriebe. Basierend auf internationalen Richtlinien und Praxiserfahrungen skizziert dieser Abschnitt die entscheidenden Erfolgsmerkmale.

Wesentliche Systemkriterien: Das RSVP-Blueprint von Zero Waste Europe

Zero Waste Europe (ZWE) hat im Rahmen des Projekts ReuSe Vanguard Project (RSVP) ein Blueprint zur Harmonisierung von Mehrwegsystemen für Take-away-Speisen und -Getränke in Europa entwickelt. Es definiert fünf Grundvoraussetzungen, die jedes urbane Mehrwegsystem erfüllen sollte:

Fünf Kriterien für erfolgreiche urbane Mehrwegprogramme nach dem RSVP-Projekt
  • Effektivität: Hohe Rücklaufraten und betriebliche Effizienz sind notwendig, um die angestrebten Umweltziele zuverlässig zu erreichen.
  • Nutzerfreundlichkeit: Die Rückgabe muss unkompliziert sein. Dies erfordert ein engmaschiges Netz an Rücknahmestellen, klare Beschilderung, einfache Abläufe und flächendeckende Verfügbarkeit. Wenn die Rückgabe umständlicher ist als das Wegwerfen, sinkt die Akzeptanz.
  • Interoperabilität: Kunden müssen das System über verschiedene Verkaufsstellen und Stadtteile hinweg nahtlos nutzen können. Ein offenes System – bei dem Gefäße verschiedener Betriebe in derselben Infrastruktur abgegeben werden können – ist unverzichtbar für Skalierung.
  • Inklusivität: Zugänglichkeit für alle Akteure vor Ort – vom kleinen Café bis zur großen Sportarena.
  • Sicherheit und Hygiene: Gebrauchte Behälter müssen effizient gesammelt, in einem professionellen Reinigungszentrum nach Lebensmittelstandards gewaschen, geprüft und zügig wieder in Umlauf gebracht werden.

Anfang März 2026 organisierte Zero Waste Europe im Rahmen des RSVP-Projekts eine Fachexkursion nach Dänemark, bei der rund 80 Expertinnen und Experten aus Stadtverwaltungen, Kommunen, Nichtregierungsorganisationen und Fachleute für Kreislaufwirtschaft aus mehr als zwölf europäischen Ländern zusammenkamen. Die Station in Aarhus wurde von TOMRA Reuse gemeinsam mit der Stadt Aarhus ausgerichtet, wobei die Teilnehmenden das Reinigungszentrum besichtigten, die Leergutrücknahme-Automaten testeten und Strategien zur Skalierung diskutierten.

TOMRAs sieben Erfolgsfaktoren zur Skalierung von Mehrwegverpackungen

Ergänzend zum ZWE-Rahmenwerk hat TOMRA Reuse auf Basis der Praxiserfahrungen in Aarhus und Lissabon sieben entscheidende Faktoren identifiziert, die für den Aufbau und die Skalierung stadtweiter Systeme unerlässlich sind:

1. Offenes verwaltetes System (Open Managed System, OMS): Das System muss Gebinde verschiedener Hersteller verarbeiten können, wobei jedes Stück über serialisierte QR-Codes oder RFID-Chips eindeutig identifizierbar ist. Dies ermöglicht lückenlose Rückverfolgbarkeit, Pfandclearing und transparente Berichterstattung.

2. Automatisierte Rücknahmeinfrastruktur: Leergutrücknahme-Automaten an hochfrequentierten Standorten bieten den Bürgerinnen und Bürgern rund um die Uhr maximale Bequemlichkeit. In Aarhus betreibt TOMRA mehr als 25 feste Rücknahmestationen sowie mobile Einheiten für Events. Über 58 Gastronomiebetriebe im Stadtzentrum nehmen aktiv teil.

3. Digitale Pfandabwicklung: Ein vollständig digitales Pfandsystem – bei dem Kunden einfach ihre kontaktlose Karte oder ihr Smartphone anhalten, um den Pfandwert erstattet zu bekommen – macht Bargeld überflüssig und funktioniert ohne Registrierung oder App für Einheimische und Gäste gleichermaßen. Die Zahlungsinfrastruktur wird in Kooperation mit Visa, Mastercard und Shift4 realisiert.

4. Zentralisierte industrielle Reinigung: Professionelle Reinigungszentren stellen sicher, dass Gefäße nach strengsten Lebensmittelhygienestandards gereinigt, qualitätsgeprüft und umgehend wieder bereitgestellt werden. Dies entlastet die Gastronomiebetriebe vollständig vom eigenen Spülaufwand.

5. Integrierte Logistik: Eine effiziente Logistik verbindet Rücknahme, Reinigung und Wiederbelieferung. Dazu gehören Tourenoptimierung, Bedarfsprognosen und die enge Abstimmung zwischen Außendienst und Reinigungszentrum.

6. Digitale Plattform und Datentransparenz: Eine zentrale Datenplattform erfasst jeden Schritt im Lebenszyklus der Gefäße – von Lagerung, Ausgabe und Rückgabe bis hin zu Spülgängen, Pfandaktivierung, Umlaufzahlen und sortenreinem Recycling bei Beschädigung. Dies schafft Rechtssicherheit und ermöglicht fundiertes Reporting.

7. Kommunale Partnerschaft und klare Leitplanken: Die Unterstützung durch die Stadtverwaltung ist eine betriebliche und wirtschaftliche Notwendigkeit. Sie verleiht dem Vorhaben Legitimität, ermöglicht Genehmigungen für Automaten im öffentlichen Raum und schafft Planungssicherheit für Betriebe.

Grafik der 7 Erfolgsfaktoren von TOMRA zur Skalierung von Mehrwegverpackungen
Kenny Rytter, Geschäftsführer des Café Europa 1989 in Aarhus

«Der entscheidende Impuls für uns war die Tatsache, dass wir uns für ein System entschieden haben, das von der Stadtverwaltung ausdrücklich unterstützt wird. Wäre es nur ein privater Anbieter gewesen, hätte ich ausschließlich darauf geschaut, ob es für mich einen wirtschaftlichen Vorteil bringt. Wenn die Stadtverwaltung jedoch dahintersteht, ist das eine ganz andere Ausgangslage.»

Übersicht über bestehende Modelle

In Europa haben sich verschiedene Betriebsmodelle für Mehrwegverpackungen im Außer-Haus-Markt herausgebildet. Obwohl sie alle das Ziel verfolgen, Einwegverpackungen zu ersetzen, unterscheiden sie sich erheblich in Bezug auf Rücknahme, Pfandanreize und Betriebsstruktur.

Modell 1: Pfandsystem mit automatisierten Rücknahmestationen

Beispiele: TOMRA Reuse (REUSEABLE in Aarhus, Dänemark; CopoMais in Lissabon, Portugal), New Loop (Kopenhagen, Dänemark).

Dieses Modell kombiniert ein rückzahlbares Pfand mit Leergutrücknahme-Automaten. Kundinnen und Kunden zahlen beim Kauf eines Getränks einen geringen Pfandbetrag. Nach Gebrauch geben sie den Becher an einem beliebigen Leergutrücknahme-Automaten in der Stadt ab, halten ihre Zahlungskarte oder ihr Smartphone vor und erhalten den Pfandwert sofort digital erstattet.

Hauptmerkmale von Pfandsystemen mit automatisierten Rücknahmestationen

  • Offenes verwaltetes System: Mehrere Betriebe nutzen dieselbe Infrastruktur; Kunden können an einem Ort kaufen und an jedem beliebigen Rücknahmepunkt abgeben.
  • Automatisierte Rücknahme rund um die Uhr: Leergutrücknahme-Automaten stehen 24/7 zur Verfügung und bieten maximalen Komfort.
  • Digitale Pfandabwicklung: Kein Bargeldhandling; die Kautionsrückzahlung erfolgt direkt elektronisch.
  • Zentralisierte Reinigung: Gebrauchte Becher werden gesammelt, in einem industriellen Reinigungszentrum gewaschen, kontrolliert und neu verteilt.
  • Lückenlose Rückverfolgbarkeit: Jedes Gebinde trägt einen serialisierten Code (QR oder RFID) zur Nachverfolgung jedes Umlaufzyklus.

Dieses Modell eignet sich hervorragend für dicht besiedelte Stadtgebiete und meistert auch extreme Spitzenlasten – in Aarhus bewältigte das System über 150.000 Becher während eines zehntägigen Festivals. In Lissabon startete CopoMais im November 2025 mit 0,50 € Pfandwert und erweitert sein Automatennetz kontinuierlich.

In Kopenhagen arbeitet das New-Loop-System nach einem ähnlichen Prinzip. Dänemark bereitet derzeit ein nationales Mehrwegmandat vor, was das Land zu einem Vorreiter in der praktischen Umsetzung macht.

Grafik mit fünf zentralen Komponenten eines pfandbasierten Mehrwegsystems

Modell 2: Pfandsystem mit manuellen Rücknahmestellen

Beispiel: RECUP/Rebowl (Deutschland)

Bei diesem Modell zahlen Kundinnen und Kunden ebenfalls ein Pfand beim Erwerb von Speisen oder Getränken. Anstatt die Gefäße jedoch an einem Automaten abzugeben, erfolgt die Rückgabe manuell an der Theke eines teilnehmenden Partnerbetriebs.

Hauptmerkmale des Pfandsystems mit manueller Rücknahme

  • Manuelle Rückgabe im Geschäft: Kunden geben den Becher oder die Schale an der Theke eines Partnerbetriebs ab.
  • Pfandrückzahlung vor Ort: Das Pfand (in Deutschland meist 1 € für Becher, 5 € für Schalen) wird direkt erstattet.
  • Dezentrale Reinigung: In der Regel spült jeder teilnehmende Betrieb die zurückgebrachten Gefäße selbst vor Ort.
  • Standortsuche per App: Eine mobile App zeigt teilnehmende Betriebe in der Umgebung an.

Dieses Modell hat in Deutschland eine beachtliche Marktabdeckung erreicht. Sein Vorteil liegt in geringen Anfangsinvestitionen, da keine Automaten benötigt werden. Allerdings bürdet es den Betrieben den gesamten Spül- und Prüfaufwand auf, was zu uneinheitlichen Hygienestandards führen kann. Zudem ist die Rückgabe an Öffnungszeiten gebunden.

Grafik mit den wichtigsten Merkmalen eines pfandbasierten Systems mit manueller Rückgabe von Mehrwegverpackungen

Modell 3: Strafgebührensystem bei verspäteter Rückgabe

Beispiel: Vytal (Deutschland)

Anstatt ein Pfand an der Kasse zu erheben, leihen Kundinnen und Kunden die Mehrwegverpackung kostenfrei aus – müssen jedoch eine Gebühr zahlen, wenn das Gefäß nicht innerhalb einer bestimmten Frist (meist 14 Tage) zurückgegeben wird.

Die Wahl des Modells hängt von den lokalen Gegebenheiten, Skalierungszielen, gesetzlichen Vorgaben und Investitionsmöglichkeiten ab. Für Städte, die skalierbare, transparente und hygienisch einwandfreie Mehrwegsysteme anstreben, bietet das automatisierte Pfandmodell mit zentraler Reinigung die solideste Basis – insbesondere im Hinblick auf die strengen Berichts- und Leistungsvorgaben der kommenden EU-Verpackungsverordnung (PPWR).

Sven Hennebach, Senior Manager bei TOMRA Reuse, am Hauptbahnhof Freiburg

«Mehrweglösungen funktionieren dann am besten, wenn die Rückgabe genauso einfach ist wie die Nutzung. Freiburg zeigt, wie automatisierte Rücknahmen bestehende Mehrwegsysteme sinnvoll ergänzen können. Für Städte ist die Botschaft klar: Es reicht nicht aus, Mehrweg nur zu bewerben oder Einweg unattraktiver zu machen. Es braucht die passende Infrastruktur, damit die Menschen Mehrweg ganz selbstverständlich in ihren Alltag integrieren können.»

Politische Rahmenbedingungen als entscheidender Hebel für stadtweite Mehrwegsysteme

Während die operative Gestaltung entscheidet, ob ein System im Alltag funktioniert, bestimmen die politischen Rahmenbedingungen darüber, ob solche Systeme überhaupt entstehen, skalieren und ihre Umweltvorteile entfalten können. Stadtweite Mehrwegsysteme erfordern Investitionen in geteilte Infrastruktur, breite Beteiligung der Gastronomie, verlässliche Rückgabeanreize, professionelle Reinigung und transparente Datenerfassung. Auf rein freiwilliger Basis entstehen diese Bedingungen kaum in der erforderlichen Größenordnung.

Eine gezielte und verlässliche Regulierung ist daher unerlässlich, um Mehrwegsysteme wirtschaftlich tragfähig, attraktiv und wirksam zu machen.

Die Politik erfüllt dabei drei Kernfunktionen: Sicherung von Umweltvorteilen, Förderung der Akzeptanz und gezielte Steuerung des Übergangs.

1. Umweltvorteile sichern durch Mindestanforderungen an das Gesamtsystem

Mehrweg nutzt der Umwelt nur dann, wenn Gebinde verlässlich zurückgegeben, gereinigt, vielfach wiederverwendet und am Ende hochwertig recycelt werden. Ein Mehrwegbecher, der nur wenige Male genutzt wird, schneidet ökologisch oft nicht besser ab als ein optimiertes Einwegprodukt. Daher darf die Regulierung nicht nur das Gefäß selbst betrachten, sondern muss die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems einfordern.

Mindestanforderungen sollten unter anderem umfassen:

  • Mindestrücklauf- bzw. Sammelquoten: Sicherstellen, dass Gebinde im Kreislauf bleiben statt im Müll zu landen.
  • Mindestanzahl an Umläufen: Rund 10 Umläufe gelten als praxisnaher Richtwert, um klare ökologische Vorteile gegenüber optimiertem Einweg zu garantieren.
  • Schwund- und Bruchmonitoring: Erfassung, wie viele Gebinde verloren gehen oder beschädigt werden.
  • Substitutionsgrad: Nachweis, in welchem Umfang Mehrweg tatsächlich Einweg ersetzt und nicht bloß zusätzlich angeboten wird.
  • Ökobilanzielle Leistungsbewertung (LCA): Auf Basis harmonisierter Methoden und Definitionen.
  • Recyclingfähigkeit nach Lebensdauerende: Gefäße müssen für werkstoffliches Recycling im industriellen Maßstab ausgelegt sein.
  • Verpflichtende Berichterstattung und Audits: Transparenz bei Rücklaufquoten, Umläufen und Materialverlusten.
  • Effektive Durchsetzungsmechanismen: Verbindliche Kontrollen statt unverbindlicher Absichtserklärungen.

Dies gewinnt durch die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) weiter an Bedeutung, die klare Leitplanken für Take-away setzt: Gastronomiebetriebe müssen ab 2027 mitgebrachte Gefäße akzeptieren, ab 2028 Mehrwegoptionen anbieten und bis 2030 eine Mehrwegquote von mindestens 10 % im Take-away-Bereich erreichen.

2. Akzeptanz fördern und Mehrweg zum Standard machen

Stadtweite Systeme benötigen eine hohe Beteiligung von Betrieben und Kundschaft. In städtischen Ballungsräumen wird das ökologische Potenzial erst dann gehoben, wenn Mehrweg zur Normalität wird. Richtwerte von über 90–95 % Rücklaufrate und über 85 % Marktanteil in den abgedeckten Quartieren sind dafür anzustreben.

Politische Instrumente können dies gezielt unterstützen:

  • Pflicht zum Mehrwegangebot: Verbraucher müssen am Verkaufsort verlässlich eine Mehrwegalternative vorfinden.
  • Verbindliche Ziele und Zeitpläne: Schaffung von Investitionssicherheit für Betriebe und Systemanbieter.
  • Abgaben auf Einwegverpackungen: Verursachergerechte Internalisierung der Reinigungs- und Entsorgungskosten der Kommunen.
  • Stufenweise Verbote von Einweg-Gebinden: Falls vereinbarte Mehrwegquoten nicht fristgerecht erreicht werden.
  • Modulierte EPR-Gebühren: Finanzielle Besserstellung von Mehrwegsystemen im Rahmen der erweiterten Herstellerverantwortung.

Die Erfahrungen aus Tübingen zeigen, wie lokale wirtschaftliche Steuerungsinstrumente faire Wettbewerbsbedingungen schaffen können. Die Stadt führte eine kommunale Verpackungssteuer von 0,50 € auf Einweg-Geschirr und 0,20 € auf Besteck ein – flankiert von Zuschüssen für Betriebe, die auf Mehrweg umstellen. Freiburg folgte zum 1. Januar 2026 mit einer vergleichbaren Steuer zur Reduzierung von Littering und Förderung von Mehrwegsystemen.

TOMRA Reuse Leergutrücknahme-Automat auf dem Wochenmarkt am Hauptbahnhof Freiburg
TOMRA Reuse Leergutrücknahme-Automat für Mehrwegbecher auf dem Markt am Hauptbahnhof Freiburg.
In die Wand integrierter TOMRA Reuse Leergutrücknahme-Automat am Hauptbahnhof Freiburg
In die Wand integrierter TOMRA Reuse Leergutrücknahme-Automat am Hauptbahnhof Freiburg.

3. Den Übergang durch Standards und geteilte Infrastruktur lenken

Mehrwegsysteme befinden sich in einer dynamischen Aufbauphase. Wenn zahlreiche Akteure isolierte Insellösungen entwickeln, drohen Fragmentierung, Verwirrung bei Kunden und suboptimale Rücklaufraten. Die Politik kann hier steuernd eingreifen, indem sie gemeinsame Standards setzt:

  • Geteilte Infrastruktur im öffentlichen Raum: Besonders an Verkehrsknotenpunkten und Plätzen mit hoher Passantenfrequenz.
  • Mindestabdeckung mit Rücknahmestellen: Damit Gebinde jederzeit unkompliziert abgegeben werden können.
  • Harmonisierte Pfand- und Rückgabeanreize: Klare, nachvollziehbare Beträge für verlässliche Gewohnheiten.
  • Einheitliche Kennzeichnung: Damit Mehrweg auf den ersten Blick erkennbar ist.
  • Klare Rollenverteilung: Verbindliche Pflichten für Kommunen, Handel, Systembetreiber und Hersteller.
  • Verbindliche Standards für Betreiber: Nachweispflichten zu Hygiene, Reinigung und Systemtransparenz.
  • Gezielte Verbraucherkommunikation: Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger beim Erlernen neuer Routinen.

Eine der zentralen Lektionen aus stadtweiten Mehrwegsystemen lautet: Bequemlichkeit entscheidet alles. In Aarhus zeigt sich deutlich, dass die Akzeptanz sprunghaft steigt, wenn Rückgabestationen in unmittelbarer Nähe der Verkaufsorte zur Verfügung stehen. Kommunen können dies aktiv fördern, indem sie Flächen im öffentlichen Raum bereitstellen und Mehrweg als festen Bestandteil der städtischen Kreislaufwirtschaft begreifen.

Von der Pflicht zur Umsetzung: Die Bedeutung von Durchsetzung und Systembedingungen

Regulatorische Vorgaben allein genügen nicht. Ein Verbot, eine Quote oder eine Pflicht entfaltet ihre Wirkung erst dann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen: verfügbare Mehrwegverpackungen, ausreichende Rücknahmeinfrastruktur, klare Zuständigkeiten, zielgruppengerechte Kommunikation und konsequente Kontrollen.

Das Beispiel Lissabon verdeutlicht dies: Das Verbot von Einwegplastikbechern im Jahr 2024 setzte den notwendigen regulatorischen Rahmen, während das CopoMais-System die betriebliche Infrastruktur schuf, mit der Betriebe die Vorgaben erfüllen können. Ohne verlässliche Rücknahme- und Spülstrukturen laufen auch ambitionierte Gesetze ins Leere.

Portugal zeigt auch, wie wichtig der Schritt von allgemeinen Zielen hin zu verbindlichen Anforderungen ist. Angebotspflichten müssen mit Melde- und Nachweispflichten, der Einbindung in die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) und behördlichen Kontrollen verknüpft werden, damit Mehrweg nicht nur auf dem Papier existiert.

Die EU gibt die Richtung vor – nationale und lokale Umsetzung entscheidet

Die europäische Verpackungsverordnung PPWR steckt den Rahmen ab, doch ihr Erfolg hängt maßgeblich von den Mitgliedstaaten und Kommunen ab. Die EU definiert Ziele und Pflichten; Städte und nationale Regierungen müssen diese in Genehmigungsverfahren, Flächennutzung, Finanzierung und behördliche Kontrollen übersetzen.

Dänemark belegt, wie Praxiserfahrungen die Bundespolitik leiten können: Das Pilotprojekt in Aarhus lieferte belastbare Daten zu Rücklaufraten, Nutzerverhalten, Automatenbetrieb, Reinigung und Logistik, die nun in ein nationales Mehrwegmandat einfließen.

Erfolgreiche Mehrwegpolitik ist daher ein aufeinander abgestimmtes Gesamtpaket aus:

  • Leistungskriterien zur Sicherung messbarer Umweltvorteile.
  • Wirtschaftlichen und regulatorischen Anreizen zur Steigerung der Teilnahme.
  • Geteilter Infrastruktur und Standards für maximale Bequemlichkeit und Skalierbarkeit.
  • Monitoring und Durchsetzung für verlässliche Zielerreichung in der Praxis.
CopoMais Leergutrücknahme-Automat in Lissabon

Wirtschaftliche Modelle: Mehrweg ökonomisch tragfähig gestalten

Die finanzielle Tragfähigkeit eines stadtweiten Mehrwegsystems steht und fällt mit der Kostenstruktur und der fairen Verteilung unter den Akteuren. Während die anfänglichen Investitionen in die Infrastruktur – Leergutrücknahme-Automaten, Reinigungszentrum, Logistik und IT-Plattform – beträchtlich sind, ist der laufende Betrieb bei professionellem Design wirtschaftlich attraktiv.

Zentrale Kostenkomponenten

  • Rücknahmeinfrastruktur: Automatisierte Leergutrücknahme-Automaten oder manuelle Sammelstellen
  • Reinigungszentrum: Industrielle Reinigung, Trocknung und Qualitätssicherung nach Lebensmittelstandards
  • Logistikbetrieb: Abholung von Gebrauchtgeschirr und Belieferung mit sauberen Gefäßen
  • Digitale Plattform: Pfandclearing, Bestandsverfolgung und transparentes Reporting
  • Verpackungspool: Initialer Bestand an Mehrwegbechern und -behältern

Der Mehrwert geteilter Infrastruktur

Ein entscheidender Hebel für einen tragfähigen Business Case ist die gemeinsame Nutzung der Infrastruktur. In einem offenen verwalteten System (OMS) sind die Kosten pro Betrieb um ein Vielfaches geringer, als wenn jedes Geschäft eigene Sammelbehälter, Spülstraßen und Trackingsysteme anschaffen müsste.

Einnahmequellen und Kostendeckung

  • Servicegebühren der teilnehmenden Betriebe: Gastronomen zahlen eine Gebühr pro Becher oder Nutzung, die Bereitstellung, Logistik und professionelle Reinigung abdeckt. Bei CopoMais in Lissabon beträgt diese Gebühr 0,30 € zzgl. MwSt. pro Becher.
  • Nicht zurückbezahltes Pfand: Pfandbeträge für Gefäße, die verloren gehen oder von Kunden einbehalten werden, verbleiben beim Systembetreiber und tragen zur Deckung der Betriebskosten bei.
  • Einsparungen bei EPR-Gebühren: Im Rahmen der PPWR zahlen Hersteller Gebühren für Einwegverpackungen. Betriebe, die auf Mehrweg umstellen, sparen diese EPR-Kosten ein.
  • Kommunale Kofinanzierung: Städte unterstützen durch Bereitstellung von Standorten für Rücknahmeautomaten im öffentlichen Raum und gemeinsame Aufklärungskampagnen.
  • Kommunale Verpackungssteuern: Städte wie Tübingen nutzen Abgaben auf Einwegartikel, um die wahren gesellschaftlichen Kosten von Littering am Verkaufsort sichtbar zu machen und gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.

Kostenneutralität für die Gastronomie

Eine Kernaussage aus den Erfahrungen von TOMRA lautet: Damit Mehrweg in der Breite angenommen wird, muss es für Gastronomen kostenneutral oder vorteilhafter als Einwegverpackungen sein. In Aarhus beziehen Händler die Mehrwegbecher von TOMRA Reuse zu vergleichbaren Konditionen wie Einwegbecher, während das Pfand als durchlaufender Posten vom Kunden hinterlegt wird.

Fallstudie: Aarhus, Dänemark — Das REUSEABLE-System

Das am besten dokumentierte Beispiel für ein funktionierendes stadtweites Mehrweg-Take-away-System ist REUSEABLE in Aarhus. Am 17. Januar 2024 als dreijähriges Pilotprojekt gestartet, ist REUSEABLE zur europäischen Benchmark geworden – und beweist täglich, dass städtisches Mehrweg machbar ist, herausragende Kennzahlen erzielt und wertvolle Erkenntnisse für ganz Europa liefert.

Ausgangslage: Warum Aarhus das Projekt startete

Die Stadt Aarhus initiierte das Projekt, um dem Problem herumliegender Einwegverpackungen und den hohen Stadtreinigungskosten entgegenzuwirken. Analysen zeigten, dass fast die Hälfte (48 %) des Mülls in öffentlichen Sammelbehältern aus Take-away-Verpackungen stammte.

Gemeinsam mit TOMRA definierte die Stadt vier klare Ziele:

  • Einwegmüll an der Quelle vermeiden: Angesichts von 200 bis 300 Millionen Einwegbechern jährlich in Dänemark sollte eine praxistaugliche Alternative aus robustem Polypropylen etabliert werden, die hunderte Male wiederverwendbar ist.
  • Ein offenes, einheitliches System erproben: Testen, ob ein System tragfähig ist, bei dem dieselben Becher bei zahlreichen verschiedenen Verkaufsstellen erworben und abgegeben werden können.
  • Treibhausgasemissionen senken: Ziel war eine dokumentierte CO2-Reduktion um mindestens 70 % gegenüber Einwegbechern.
  • Saubereres Stadtbild: Verringerung von Littering durch rund um die Uhr zugängliche Leergutrücknahme-Automaten und einen wirksamen Pfandanreiz von 5 DKK (ca. 0,67 €).

Die Komponenten des Systems

Das REUSEABLE-System in Aarhus ist eine umfassende Gesamtlösung, die aus acht ineinandergreifenden Komponenten besteht:

Standardisierter Mehrweg-Verpackungspool

Das System umfasst einen standardisierten Pool aus sieben verschiedenen Mehrwegbechern für Heiß- und Kaltgetränke, Schalen und Deckeln – hergestellt aus langlebigem Polypropylen. Jedes Gebinde trägt einen serialisierten QR-Code für lückenlose digitale Rückverfolgbarkeit.

Teilnehmende Gastronomiebetriebe

Rund 53 bis 58 Betriebe in der Innenstadt von Aarhus nehmen am System teil und beziehen REUSEABLE-Becher von TOMRA Reuse zu Konditionen, die mit Einwegbechern vergleichbar sind. Kunden zahlen beim Kauf 5 DKK (ca. 0,67 €) Pfand.

Automatisierte Rücknahmeinfrastruktur

TOMRA betreibt über 25 feste Leergutrücknahme-Automaten im Stadtzentrum sowie 2 bis 15 temporäre Stationen bei Stadtfesten. Die Automaten stehen rund um die Uhr zur Verfügung und nehmen Becher sowie Essensbehälter an.

Digitale Pfandauszahlung

Zur Rückgabe halten Kundinnen und Kunden einfach ihre Zahlungskarte oder ihr Smartphone an den Leser, werfen die Becher ein und erhalten den Pfandwert direkt auf ihr Konto gutgeschrieben – ohne App oder Registrierung.

Zentralisiertes Reinigungszentrum

TOMRA betreibt ein industrielles Reinigungszentrum im Ecopark Aarhus. Alle Becher werden mit einer wassersparenden Anlage gereinigt (nur 0,5 dl Wasser pro Becher), getrocknet, qualitätsgeprüft und neu verteilt. Beschädigte Becher werden recycelt.

Logistikbetrieb

Ein Elektrotransporter liefert saubere Gebinde aus und holt benutzte Gefäße in Mehrweg-Transportkisten ab. Touren werden täglich anhand von Bestellungen und Füllständen der Rücknahmeautomaten optimiert.

Digitale Plattform

Das offene verwaltete System (OMS) von TOMRA Reuse bildet das digitale Rückgrat, das jedes Gefäß von Lagerung, Lieferung und Verkauf über Rückgabe, Reinigung, Pfandaktivierung bis zu den Umläufen lückenlos trackt.

Online-Bestellsystem

Teilnehmende Betriebe bestellen saubere Verpackungen bequem über ein Webportal. Jede gelieferte Verpackung ist hygienisch einwandfrei und wird bei Lieferung digital für das Pfandsystem aktiviert.

Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem REUSEABLE-Pilotprojekt in Aarhus

Nach über zwei Jahren im Regelbetrieb liefert das REUSEABLE-System beeindruckende Leistungskennzahlen und wertvolle Praxiserfahrungen.

Wichtige Kennzahlen (Stand Anfang 2026):

  • Über 1,8 Millionen Becher gesammelt seit dem Start
  • Rücklaufrate: Erstes Betriebsjahr 87 % (730.000 Becher), zweites Betriebsjahr 89 % (820.000 Becher)
  • Einzelne Becher mit über 40 Umläufen
  • Mehr als 25 automatisierte Rücknahmestationen im Innenstadtbereich
  • Rund 53 bis 58 teilnehmende Betriebe

Hohe Kundenzufriedenheit: In einer repräsentativen Befragung von 1.039 Bürgerinnen und Bürgern durch die Stadt Aarhus und Epinion Ende 2024 gaben 84 % der Nutzerinnen und Nutzer an, zufrieden oder sehr zufrieden mit dem REUSEABLE-System zu sein. Besonders bemerkenswert: Die Zufriedenheit stieg mit zunehmender Nutzungshäufigkeit – ein klarer Beleg dafür, dass der Gang zum Rücknahmeautomaten schnell zur selbstverständlichen Gewohnheit wird.

Zentrale Erkenntnisse:

  • Bequemlichkeit ist der wichtigste Erfolgsfaktor: Nicht-Nutzer nannten als wichtigsten Anreiz zur Teilnahme ein noch engmaschigeres Automatennetz in unmittelbarer Nähe der Verkaufsstellen.
  • Stetig steigende Rücklaufquoten: Von 87 % im ersten auf 89 % im zweiten Jahr. Mit steigendem Volumen und nationalen Vorgaben nähert sich der Wert klassischen Flaschen- und Dosenpfandsystemen an.
  • Beherrschung von Spitzenlasten: Während der Aarhus Festuge 2025 wurden in 10 Tagen über 150.000 Becher ausgegeben – bei einer Rücklaufquote von 95 %. Dies erfordert skalierbare Reinigungskapazitäten und flexible Personalmodelle.
  • Kommunale Partnerschaft als Beschleuniger: Die Zusammenarbeit zwischen TOMRA Reuse und der Stadt Aarhus war ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Kommunaler Rückhalt schafft Vertrauen, erleichtert Genehmigungen und bewegt Betriebe zum Mitmachen.
  • Machbarkeitsnachweis erbracht: René Jørgensen, Site Manager bei TOMRA Reuse in Aarhus, bilanziert: «Zu Beginn hielten viele das reibungslose System fast für Science-Fiction. Heute stellen Fachbesucher sehr konkrete betriebliche Fragen. Städte sind bereit, Entscheidungen zu treffen.»
  • Einfluss auf die nationale Gesetzgebung: Die dänische Regierung hat ein nationales Sekretariat (Norion) für ein dänemarkweites Mehrwegmandat eingerichtet – basierend auf den Daten und Erfahrungen aus Aarhus.
  • Europäische Auszeichnung: Das REUSEABLE-System gewann den European Reusable Award. Projektleiter Simon Rossau (Stadt Aarhus) betonte: «TOMRA war ein unverzichtbarer Partner bei der Entwicklung und Umsetzung... Die öffentlich-private Partnerschaft ist bei zirkulären Systemen entscheidend. Das eine geht nicht ohne das andere.»

Video: The Story of Stuff — Wie Aarhus ein stadtweites Mehrwegbechersystem aufbaute

Einen anschaulichen Überblick darüber, warum Mehrwegbechersysteme unverzichtbar sind und wie sie im Alltag funktionieren, bietet dieses Video des Story of Stuff Projects.
Video: The Story of Stuff — Wie Aarhus ein stadtweites Mehrwegbechersystem aufbaute

Erweiterung des Modells: CopoMais in Lissabon

Aufbauend auf den Erfahrungen aus Aarhus hat TOMRA Reuse ein zweites stadtweites System gestartet: CopoMais in Lissabon, Portugal. Das im November 2025 gestartete Projekt ist eine gemeinsame Initiative der Stadt Lissabon, des portugiesischen Hotel- und Gaststättenverbands AHRESP und TOMRA.

Lissabons Rahmenbedingungen unterscheiden sich deutlich von Aarhus – die Metropole zieht jährlich über 8 Millionen Touristen an, und das Ausgehviertel Bairro Alto zählt zu den am dichtesten besuchten Nachtleben-Quartieren Europas. Das städtische Verbot von Einwegplastikbechern im Mai 2024 schuf den notwendigen regulatorischen Anstoß für die Einführung eines gesetzeskonformen Mehrwegsystems.

CopoMais Mehrwegbecher in Lissabon

CopoMais-Becher werden mit einem rückzahlbaren Pfand von 0,50 € ausgegeben, und das Netz automatisierter Leergutrücknahme-Automaten wird im historischen Zentrum stetig verdichtet. Bis Ende Sommer 2026 soll das System über mindestens 17 öffentlich zugängliche Rücknahmestationen in Bairro Alto, Bica, Cais do Sodré und Santos verfügen.

João Jalé, Senior Manager bei TOMRA Reuse in Portugal, erklärt: «Mit CopoMais sind wir stolz darauf, gemeinsam mit unseren Partnern ein innovatives und wirksames System für den großflächigen Einsatz von Mehrwegbechern in Lissabon bereitzustellen. Es ermöglicht der Gastronomie, gesetzliche Vorgaben einzuhalten und gleichzeitig Kosten zu senken und erhebliche Umweltvorteile zu erzielen.»

Zentrale Schlussfolgerungen: Was ein stadtweites Mehrwegsystem erfolgreich macht

Aus den wissenschaftlichen Rahmenwerken, Betriebserfahrungen und Fallstudien lassen sich vier übergeordnete Erfolgsfaktoren für stadtweite Mehrweg-Take-away-Systeme ableiten:

1. Höchster Komfort für Kundinnen und Kunden

Bequemlichkeit ist der entscheidende Faktor für Akzeptanz und dauerhafte Nutzung. Das erfordert ein dichtes Netz an Rücknahmestellen an zentralen Knotenpunkten, einen selbsterklärenden Ablauf, Erreichbarkeit rund um die Uhr und eine schnelle, reibungslose digitale Pfandgutschrift. Die Ergebnisse aus Aarhus belegen: Mehr Automaten sind der Haupffaktor für mehr Nutzung, und die Zufriedenheit wächst mit der Routine.

2. Kostenneutralität oder wirtschaftlicher Vorteil für Gastronomiebetriebe

Damit der Handel Mehrweg flächendeckend einführt, muss die Rechnung aufgehen. Die Kosten für die Systemteilnahme – Bezug der Gefäße, Pfandabwicklung – müssen auf Augenhöhe mit Einwegverpackungen oder günstiger sein. Systeme, die Betrieben zu viel bürokratischen oder operativen Aufwand aufbürden, scheitern an der Skalierung.

3. Geteilte Infrastruktur mit Leergutrücknahme-Automaten und industrieller Reinigung

Gemeinsam genutzte Infrastruktur ist der Schlüssel zu Skalierbarkeit und Wirtschaftlichkeit. Wenn Betriebe ein einheitliches Netz an Rücknahmestellen und ein zentrales Reinigungszentrum nutzen, verteilen sich die Fixkosten, das Kundenerlebnis ist nahtlos (überall kaufen, überall abgeben), und Hygiene- sowie Qualitätsstandards werden auf professionellem Niveau verlässlich garantiert.

4. Politischer Rückhalt und verbindliche kommunale Partnerschaft

Ein stadtweites System gelingt nicht als isolierte Privatinitiative. Es braucht ein tragfähiges Ökosystem aus:

  • Kommunaler Verankerung: Die Stadt muss das System aktiv durch Politik, Genehmigungen, Kontrollen und Bürgerkommunikation unterstützen. Die Technologie ist vorhanden – es geht um Willen, Finanzierung und Koordination.
  • Unterstützenden Leitplanken: Vorgaben wie die EU-PPWR oder lokale Einwegverbote schaffen den Rahmen, in dem Mehrweg attraktiv und notwendig wird. Eine wirksame Mehrwegpolitik umfasst Leistungskriterien, wirtschaftliche Anreize, einheitliche Standards und aktive Kontrollen.
  • Tragfähiger Finanzierung: Das System muss sich durch Servicegebühren, Pfandclearing und gegebenenfalls kommunale Kofinanzierung oder EPR-Anreize selbst tragen.
  • Enger Einbindung der Gastronomie: Die partnerschaftliche Mitwirkung von Cafés, Restaurants und Bars ist unverzichtbar. Kommunale Rückendeckung macht aus einem betrieblichen Mehraufwand ein gemeinsames Zukunftsprojekt für die ganze Stadt.

Ausblick: Vom Pilotprojekt zur flächendeckenden Skalierung

Die Frage ist längst nicht mehr, ob stadtweite Mehrwegsysteme funktionieren. Die Praxisbeispiele aus Aarhus, Lissabon, Kopenhagen und weiteren Städten belegen dies eindrucksvoll. Nun geht es darum, von einzelnen Stadtprojekten zu einer vernetzten, skalierbaren Mehrweginfrastruktur überzugehen – gestützt durch harmonisierte EU-Vorgaben, bewährte Betriebsmodelle und eine wachsende Nachfrage von Betrieben und Kundschaft.

Geir Sæther, Leiter von TOMRA Reuse, bringt es auf den Punkt: «Aarhus ist ein wegweisendes Vorbild für ein stadtweites Mehrwegsystem im Maßstab. Unser Anspruch ist es, Mehrweg so bequem, effizient und transparent zu machen, dass es eine verlässliche und dauerhafte Alternative zu Einwegverpackungen darstellt.»

Mit der PPWR als regulatorischem Kompass, Dänemarks Weg zu einem nationalen Mehrwegmandat und Städten von Amsterdam bis Brüssel, die ähnliche Systeme vorbereiten, steht fest: Das Zeitalter stadtweiter Mehrwegsysteme hat begonnen.

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